banner.jpg
  • Apothekerin Ute Schanze e.Kfr.
  • Nedderstr. 4
  • 42551 Velbert

Wenn Menschen an einem Trauma reifen

Einige Menschen berichten, dass sie nach einem schlimmen Erlebnis bewusster leben. Sie wachsen am Trauma. Forscher überlegen: Fakt oder Fiktion?
von Franziska Draeger, 08.04.2016

Ein Verkehrsunfall kann Menschen in eine Krise stürzen, sie aber auch stärken

W&B/Henrik Abrahams

Er war als Rock-’n’-Roll-Musiker mit seiner Band durch Amerika gereist, hatte gefeiert, getrunken, Drogen probiert. In einem früheren Leben. Dem Leben vor dem Verkehrsunfall, den er nur knapp überlebte. Seitdem ist er querschnittsgelähmt, kann seine Beine nicht mehr bewegen.

Im Rollstuhl sitzt der junge Mann nun seinem Therapeuten gegenüber und sagt: "Der Unfall ist das Beste, was mir je passiert ist." Nicht eine Endstation, sondern ein Wendepunkt sei der Schicksalsschlag für ihn gewesen. Er hat sein Studium nachgeholt und eine Agentur gegründet, die Menschen dabei berät, wie sie ihr Haus behindertengerecht umbauen können. Endlich sehe er einen Sinn in dem, was er tut, erklärt der ehemalige Musiker seinem Psychologen.

Das Gute im Schlechten

Aussagen wie die des jungen Mannes im Rollstuhl hat Richard Tedeschi oft gehört, inzwischen überraschen sie ihn nicht mehr. Seit den 1970er-Jahren sucht der US-Amerikaner bewusst nach solchen Patienten, als er bei seiner Forschung auf ein bis dato kaum beachtetes Phänomen stieß: Menschen können aus einem Trauma gestärkt hervorgehen.

Eigentlich wollte der Wissenschaftler gemeinsam mit seinem Kollegen Lawrence Calhoun ergründen, was Weisheit ist. Er sprach dazu mit Personen, die Schicksalsschläge erfahren hatten, mit Kriegsversehrten und Menschen, die früh ihre Liebsten verloren hatten. "Einige von ihnen behaupteten sich dennoch gut im Leben. Sie sagten, das Erlebte habe sie verändert, auch zum Guten. Das erstaunte mich." Die beiden Psychologie-Professoren untersuchten das Phänomen zehn Jahre lang, bevor sie ihm einen Namen gaben: Posttraumatic Growth (PTG). Im Deutschen spricht man von posttraumatischer Reifung oder ebenfalls von Wachstum. Der Begriff ist der Versuch, eine tief greifende Wandlung zu beschreiben.

Menschen, denen Traumatisches widerfährt, reagieren darauf unterschiedlich. Die einen verzweifeln daran. Andere kehren nach kurzer Zeit wieder in ihre Routine zurück – beinahe, als wäre nichts geschehen. Das ist das, was Fachleute als Resilienz bezeichnen, psychische und mentale Widerstandsfähigkeit in Krisen. Andere wiederum werden vom Trauma aus der Bahn geworfen, ändern daraufhin ihre Perspektive oder ihr Lebensziel. Sie reifen daran.

Leid und Glück zugleich

Lange hat sich die Psychologie allein auf die negativen Symptome konzentriert, die Krisen und Traumata verursachen. Dabei ist das Konzept des posttraumatischen Wachstums eigentlich mehr als zweitausend Jahre alt, war schon im antiken griechischen Drama ein zentrales Element: Der Held zieht in einen Kampf, erlebt Gefahr und Verlust – und kehrt nach Hause zurück als ein anderer, ein geläuterter Mensch.

Gereift bedeutet aber nicht zwingend glücklich. "Menschen, die solch ein Wachstum erfahren, geht es nicht unbedingt gut, schon gar nicht besser als vorher", erklärt Professor Andreas Maercker. Der Psychologe an der Universität Zürich zählt zu den führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet PTG in Europa. "Ein Aspekt im Leben der Betroffenen ist besser als zuvor. Sie leben intensiver, sehen endlich einen Sinn, sie kennen ihre Stärken oder haben tiefere Freundschaften." Leid und Glück schließen einander dabei nicht aus. Traumatisierte hadern und kämpfen mit ihrem Schicksal. Und ziehen doch etwas Positives daraus. "Was dich nicht umbringt, macht dich härter" – dieses Sprichwort kommt einem in den Sinn. Aber es trifft das Phänomen PTG nicht ganz. "Nach einem Trauma berichten viele, sie seien verletzlicher als zuvor. Aber dadurch auch empfindsamer", so Maercker.

In seiner Arbeit begegnen ihm zwei Muster immer wieder: Manche Menschen, die sexuelle Gewalt durchlebt haben, setzen sich danach für Kinderschutz ein. Aus dieser schweren Aufgabe ziehen sie neuen Lebenssinn. Einige Überlebende von Unfällen erfahren in der Krise erstmals, dass sie gute Freunde haben, auf die sie sich verlassen können.

Realität oder nur Illusion?

Studien legen nahe, dass 50 bis 80 Prozent der Menschen, die ein Trauma überstehen, irgendeine Form von PTG erfahren. Dennoch gibt es Psychologen, die diesem Konzept mit Skepsis begegnen: Das sei doch Einbildung, wie solle man seriös prüfen, ob jemand wirklich gereift ist oder nur die Illusion hat, er sei gewachsen? Forscher Tedeschi entgegnet auf diese Bedenken: "Wir verlassen uns bei der Schilderung negativer Symptome darauf, was uns die Patienten erzählen. Warum dann nicht auch bei positiven Prozessen?"

"Natürlich ist der Nachweis von PTG schwer", sagt auch Christine Schubert, die als Therapeutin an der psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Uni München arbeitet und zu PTG promoviert. "Doch wenn jemand es so empfindet, dass er nach einem Trauma ein besseres Verständnis für seine eigenen Fähigkeiten hat, gehört das zur subjektiven Wahrheit dieser Person. Zu behaupten, das sei eine Illusion, wäre meiner Meinung nach falsch."

Man könnte sich auch fragen: Ist es nicht sogar egal, ob eine Reifung eingebildet ist oder real? Aus Maerckers Sicht nicht. Er vermutet, dass es beides gibt – eine echte Reifung und eine eingebildete. "Im ersten Moment kann es Menschen vielleicht helfen, sich an einen eingebildeten Gewinn zu klammern. Dies kann aber auch die weitere Verarbeitung des Traumas blockieren. Bleibende, positive Veränderungen sind hingegen willkommen. Man sollte versuchen, sie zu erkennen."

Nicht jeder findet nach einem Trauma zum Wachstum

In der Traumatherapie ist der Psychologe deshalb immer offen für PTG. "Man darf es aber auf keinen Fall zu früh ansprechen. Fragt man Betroffene kurz nach einem erschütternden Erlebnis, ob es sie zum Guten verändert hat, erntet man Unverständnis oder ungläubige Wut. Erst einmal wollen die Patienten verstanden werden in ihrer Trauer und Verzweiflung." Reifung braucht Zeit.

Woran es liegt, dass manche den Weg zum Wachstum finden und andere nicht, ist schwer zu sagen. Persönlichkeitszüge wie Offenheit für Neues scheinen dazu beizutragen. "Kohärenzgefühl hilft auch", so Christine Schubert. Also dass man nachvollziehen kann, was das Erlebte mit einem macht, und sich zutraut, damit zurechtzukommen. "Was es meiner Erfahrung nach auf jeden Fall braucht, ist ein sogenannter Expert Companion", ergänzt Tedeschi. Das kann ein guter Freund sein, der verständnisvoll zuhört und Mut macht. Oder ein Therapeut.

Erstaunlicherweise reifen gerade diejenigen am ehesten, die besonders stark erschüttert werden. "Wer nach einem Trauma keine Symptome einer Belastungsstörung entwickelt, muss sich ja auch nicht auf so intensive Weise mit dem Erlebten auseinandersetzen", erklärt Schubert. Wessen Welt aber ins Wanken gerät, der muss sich wandeln. Ist die Belastungsstörung allerdings wiederum zu schwer, steht sie der Reifung im Weg. Erzwingen kann man PTG nicht. Niemand ist schuld, wenn er nichts Gutes aus dem Schlimmen ziehen kann. "Fatal wäre, wenn Traumatisierte auch noch das Gefühl bekommen, sie hätten beim Wachsen am Trauma versagt", mahnt Maercker. Gut zu wissen: Heilung von einer Belastungsstörung und das Überwinden eines Traumas sind auch ohne Reifung möglich.



Bildnachweis: W&B/Henrik Abrahams

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Müde Frau

Borderline (Borderline-Persönlichkeitsstörung)

Stimmungsschwankungen, impulsives Verhalten, anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, Selbstverletzung – all dies sind mögliche Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) »

Spezials zum Thema

Frau schaut traurig, Jugendliche

Mobbing: Jetzt ist Schluss damit!

Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz: Die Opfer von Mobbing sind den Schikanen ihrer Mitschüler oder Kollegen ausgesetzt. Die Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit sind oft gravierend »

Haben Sie schon einmal versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages