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Glücksspiel: Wege aus der Sucht

Wer vom Glücksspiel nicht loskommt, verspielt oft seine ganze Existenz. Wie die Sucht beginnt, wie Angehörige darunter leiden und welche Therapien helfen
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 27.09.2016

Vom Vergnügen zum Problem: Glücksspiel kann abhängig machen

DPA/PictureAlliance

Der Besuch im Casino, beim Skat um ein paar Münzen zocken oder beim Fußball-Tippspiel auf den Sieger setzen: Fast jeder hat schon einmal gewettet oder Spaß beim Glücksspiel gehabt. Bei einigen Menschen löst die Hoffnung auf einen Gewinn aber einen Kick aus, der sie nicht mehr loslässt. Das kann zu einer existenzbedrohenden Abwärtsspirale führen. Und es sind keine Einzelfälle: Eine Studie von 2011 rechnete aus, dass in Deutschland ungefähr 531.000 der 14- bis 64-Jährigen im Laufe ihres Lebens spielsüchtig werden. Hinzu kommen 776.000 "problematische Spieler", die eine Vorstufe zur Spielsucht erreichen. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gab es im Jahr 2015 in Deutschland etwa 215.000 Menschen mit Glücksspielsucht sowie 241.000 "problematische Glücksspieler".

Im Verlauf der Suchtentwicklung geht es mit der Zeit gar nicht mehr darum, möglichst viel Geld zu erspielen, sagt Psychotherapeut Werner Gross aus Offenbach, Autor des Buchs "Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten": "Die innere Erregung beim Spielen macht die Sucht aus." Dieser Nervenkitzel verursacht im Kopf ein chemisches Feuerwerk: Das Gehirn wird befeuert von einem Cocktail von Substanzen, der euphorisch macht und sonst eher bei körperlichen Höchstleistungen, zwischenmenschlicher Zuwendung oder Notfallsituationen ausgeschüttet wird: Hirnbotenstoffe wie Endorphine, Oxytocin, Dopamin, Serotonin. Besonders stimulierend seien schnell ablaufende Glücksspiele wie bei Geldspielautomaten, warnt Gross: "Diese einarmigen Banditen machen besonders leicht abhängig, weil sie den Spieler durch die rhythmischen Abläufe völlig in Beschlag nehmen."

Risikofaktoren und Schutzfaktoren

Vier von fünf Spielsüchtigen sind männlich. Besonders häufig betrifft die Sucht junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren. Dies kann auch an der jeweiligen Lebenssituation liegen: Wer keinen geregelten Tagesablauf hat, weil er zum Beispiel arbeitslos ist, selbständig arbeitet oder weil das Studium keine feste Struktur vorgibt, wird leichter spielsüchtig. "Besonders anfällig sind Menschen mit geringem Selbstbewusstsein und mit abrupten Umbrüchen in ihrer Lebensgeschichte", sagt Gross. Daneben gebe es aber auch stabilisierende Faktoren, die das Risiko einer Suchterkrankung verringern.

Was vor Glücksspielsucht schützen kann:
1. Ein regelmäßiges Arbeitsleben
2. Guter Bezug zum eigenen Körper, zum Beispiel durch Sport
3. Feste Partnerschaft und stabile Familiensituation mit engen Kontakten
4. Verlässlicher Freundeskreis mit gemeinsamen sozialen Aktivitäten
5. Starkes Wertesystem, zum Beispiel durch eine Religion oder bestimmte Philosophie


Drei Phasen der Glücksspielsucht

Typischerweise verläuft die Spielsucht in drei Phasen. Zunächst gibt es eine lustbetonte Gewinnphase, in der Gelegenheitsspieler zusammen mit Freunden zocken, durch Erfolge angefixt werden und eventuell auch mal eine größere Summe gewinnen.

Wenn sie weiterspielen, setzt aber früher oder später die Verlustphase ein. Schließlich sind Glücksspiele so angelegt, dass der Anbieter auf lange Sicht besser da steht. Trotz der Rückschläge kann der Spieler nicht aufhören und erlebt einen Kontrollverlust: "Eigentlich will er nur einen Euro in den Automaten werfen. Dann steht er Stunden später immer noch davor", sagt Psychologe Werner Gross. Der Süchtige fängt an zu lügen, Geld zu leihen, verschuldet sich, zieht sich zurück und spielt tendenziell eher alleine. Ängste, Panikattacken und Depressionen können auftreten. Wobei er zwischendurch möglicherweise durch eine Glückssträhne auch kurzzeitig nochmal die Gewinnphase erreicht.

Schließlich kommt es zur Verzweiflungsphase, wenn der Spieler alle leicht zu beschaffenden Geldmittel aufgebraucht hat. Seine Gedanken drehen sich trotzdem Tag und Nacht ums Spielen. Seiner Umgebung ist er inzwischen fremd geworden. Teilweise versuchen Süchtige dann auch, per Diebstahl Geld zu beschaffen, um weiterzocken zu können.

Typisches Verhalten von Spielsüchtigen

Die WHO-Kriterien für Spielsucht klingen relativ nüchtern: dauerndes Spielen und Weiterspielen trotz starker negativer Konsequenzen. Zu den Konsequenzen gehören zum Beispiel Verarmung und Zerrüttung der Familie. Wie kommt es so weit? "Oft erreichen die Betroffenen ihren Kick nur noch über immer größeren Nervenkitzel, deshalb erhöhen sie die Dosis", erklärt Glücksspiel-Experte Gross: Die Süchtigen setzen noch mehr Geld ein und drücken zum Beispiel beim Automaten die "Risikoleiter" ganz nach oben. Sie spielen immer länger oder bedienen gleich drei Geldspielautomaten gleichzeitig. Das Klingeln der Automaten verfolgt sie in den Schlaf. In den Träumen geht es weiter.

Versuche, mit dem Spielen aufzuhören, scheitern oft nach kurzer Zeit. Wenn sie nicht spielen können, werden Süchtige schnell nervös und haben schlechte Laune. Die Spieler entwickeln ein "Chasing-Verhalten": Verlorenes Geld versuchen sie, durch Weiterspielen mit höheren Einsätzen gleich wieder zurückzuholen. Vor Alltagsproblemen flüchten sie in ihre "Spielwelt", andere Hobbies interessieren sie nicht mehr. Sie vernachlässigen ihre sozialen Kontakte und den Beruf. Nicht selten gerät dadurch der Arbeitsplatz in Gefahr.

Einen Selbsttest auf Spielsucht gibt es auf der Webseite check-dein-Spiel.de von der Bundeszentrale für gesundheitliche Auflärung (BzgA).

Was Angehörige tun sollten

Wie schnell Angehörige eine angehende Spielsucht bemerken, hängt unter anderem davon ab, wie eng der Kontakt zum Süchtigen ist. Genauso kommt es darauf an, wie gut er die Sucht versteckt. Oft fallen der Familie zunächst eher unspezifische Anzeichen auf, sagt Gross: "Zum Beispiel verschwindet Geld oder der Betroffene wird unzuverlässig und unberechenbar und reagiert auf Fragen ausweichend."

Bemerkt ein Angehöriger die Sucht, wird er mit Vorwürfen und Moralpredigten in der Regel wenig erreichen, sagt der Psychologe: "Eher hilft es, Fragen zu stellen, was los ist und wie es ihm geht." So sollen die Angehörigen versuchen, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen und eine möglichst gute Beziehung zu ihm zu aufzubauen. Kann der Süchtige trotz Unterstützung seine Selbstkontrolle nicht wiederherstellen, hilft unter Umständen eine Psychotherapie. Von alleine sucht der Betroffene aber oft erst spät – in der Verzweiflungsphase – professionelle Hilfe. Ihn früher dazu zu überreden, einen Therapeuten aufzusuchen, erfordert diplomatisches Geschick.

Außerdem sollten Süchtige alle Situationen meiden, die sie zu einem Rückfall verleiten könnten, wie etwa den Besuch einer Kneipe mit Spielautomaten. Auch Selbsthilfegruppen können eine große Unterstützung sein.

Stationäre Therapie bei schweren Fällen

Helfen all diese Maßnahmen nicht, ist unter Umständen ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik nötig, um jede Möglichkeit für Glücksspiele zu unterbinden und den Entzug durchzustehen. Selbst nach so einer Behandlung verfallen viele Patienten wieder in alte Verhaltensmuster. "Rückfälle sind typisch für die Sucht", sagt Gross. Es gehe auch nicht darum, dass der Betroffene nie wieder spielt, erklärt der Experte. Er sollte sein Leben aber wieder so weit in den Griff bekommen, dass er die Selbstkontrolle nicht mehr verliert und das Ausmaß sozial verträglich bleibt.



Bildnachweis: DPA/PictureAlliance

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