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Verhaltenstherapie: Lernen fürs Leben

Die Verhaltenstherapie ist eine Psychotherapie. Sie soll dem Patienten Methoden vermitteln, mit denen er seelische Probleme und psychische Erkrankungen besser bewältigt
von Dr. Alexandra Kirsten, aktualisiert am 04.04.2017

Therapiebeginn: Zuerst analysiert der Verhaltenstherapeut das Problem

iStock/endopack

Die klassische Verhaltenstherapie (VT) hat der amerikanische Psychologe John B. Watson zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Eine Verhaltenstherapie legt – im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse – weniger den Schwerpunkt auf die lebensgeschichtliche Entwicklung des Patienten. Es geht vielmehr darum, sein derzeitiges Verhalten und seine Einstellungen zu untersuchen und nach Möglichkeit zuverändern.

Vereinfacht gesagt: Anstatt die Ursachen für seelische Probleme in der Kindheit zu suchen, soll der Patient vor allem Techniken für die Gegenwart erlernen, um mit seinen Belastungen umzugehen.

Was ist eine Verhaltenstherapie?

Die Verhaltenstherapie besteht aus vielen unterschiedlichen Methoden. Sie zielen darauf ab, den Patienten letztlich zur Selbsthilfe anzuleiten.

Der Verhaltenstherapie zufolge ist unser Leben durch Lernvorgänge geprägt. Gute und schlechte Erfahrungen verstärken Verhaltensweisen oder schwächen sie ab. Auch psychische Störungen können nach dieser Theorie aufgrund ungünstiger oder belastender Lernerfahrungen entstehen. Hat ein Mensch einmal falsche Verhaltensweisen "gelernt", die zu Problemen führen, geht die Verhaltenstherapie davon aus, dass er sie auch wieder "verlernen" kann. Der Betroffene eignet sich neue Einstellungen und Verhaltensweisen an, um zum Beispiel Ängste oder Essstörungen zu überwinden oder sein Selbstvertrauen zu stärken.

Die Verhaltenstherapie setzt also im "Hier und Jetzt" an. Der Therapeut erarbeitet mit seinem Patienten, warum er in der aktuellen Situation Beschwerden hat. Der Schwerpunkt liegt nicht darauf, Probleme aus der Vergangenheit oder Kindheit aufzuarbeiten, um die Wurzeln der Beschwerden zu erkennen. Der Patient soll sich vielmehr neue Sicht- und Verhaltensweisen aneignen, um die Probleme zu überwinden. Dabei setzt der Psychotherapeut zum Beispiel Angstbewältigungsstrategien, Rollenspiele, Verhaltensübungen, Vorstellungsübungen (mentales Training) und Entspannungsverfahren ein.

Auch eine Spinnenphobie kann mit einer Verhaltenstherapie behandelt werden

Panthermedia/Florian Herold

Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab?

Am Anfang der Behandlung bespricht der Therapeut zusammen mit dem Patienten dessen Probleme und untersucht, welche Bedingungen und Verhaltensweisen dazu führen. In der modernen Verhaltenstherapie werden dafür auch Gefühle, Gedanken und körperliche Prozesse genauer betrachtet. Die erweiterte Verhaltensanalyse schließt außerdem das Umfeld des Patienten mit ein, wie zum Beispiel das Verhalten von Familienangehörigen, Arbeitskollegen, Freunden und Bekannten.

Nachdem der Psychotherapeut  das Problem und die dazu führenden Verhaltensweisen analysiert hat, legt er zusammen mit dem Patienten die Therapieziele in einer Zielvereinbarung (Therapievertrag) fest. Sind die Ziele bestimmt, wählen Therapeut und Patient gemeinsam die passenden Methoden aus. In der Verhaltenstherapie können inzwischen mehr als fünfzig verschiedene Einzelverfahren eingesetzt werden. Die bekanntesten sind das Konfrontationsverfahren und die kognitive Verhaltenstherapie.

Konfrontationstherapie

Die Konfrontationstherapie erfolgt vor allem, um Angst- und Zwangsstörungen zu behandeln. Wenn der Patient zustimmt, wird er Schritt für Schritt – und keinesfalls "überfallartig" – seinen angstauslösenden Reizen ausgesetzt. Dies können zum Beispiel bei Angsterkrankungen enge Räume (Klaustrophobie) oder große Plätze (Agoraphobie) sein, oder soziale Situationen wie sprechen vor anderen (soziale Phobie). Bei speziellen Ängsten lösen einzelne Reize, wie zum Beispiel Spinnen oder große Höhe, Panikreaktionen aus.

Durch die langsame, schrittweise Gewöhnung unter Aufsicht des Therapeuten erlebt der Patient, dass sich die Angst nicht ins Unendliche steigert, sondern dass er sich langsam daran gewöhnt, auch wenn er nicht "flieht". Ähnlich funktioniert es mit Zwangsstörungen. Der Patient erkennt, dass kein schreckliches Ereignis eintritt, wenn er seine zwanghaften Handlungen nicht ausführen darf. So kann er durch die Konfrontation die Angst beziehungsweise den Zwang "verlernen".

Kognitive Verhaltenstherapie

Im Mittelpunkt der kognitiven Therapieverfahren steht weniger, wie der Patient handelt. Vielmehr sind seine Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen wichtig. Der Patient soll lernen, seine Sichtweisen und Reaktionen auf Ereignisse und Dinge zu ändern, also aktiv zu gestalten. Depressiv Erkrankten kann es damit gelingen, negative Gedanken durch rationalere zu ersetzen. Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen können eine verzerrte Körperwahrnehmung und Fehlinterpretationen von Körperwahrnehmungen abbauen beziehungsweise korrigieren.

Häufig eingesetzte Techniken sind unter anderem das Sammeln und Aufzeichnen automatisch sich einstellender Gedanken, und das Argumentieren dagegen. Zusätzlich lernt der Patient das "Realitätstesten" und  "Entkatastrophisieren" von Gedanken.

Typischer Zwang: Mehrfaches Abschließen von Türen

iStock/ Anika Salsera

Bei welchen seelischen Problemen kann eine Verhaltenstherapie helfen?

Die Verhaltenstherapie bietet Hilfe, wenn das Denken, Fühlen, Erleben oder Handeln gestört ist. Sie ist für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche geeignet.

Besonders bewährt hat sie sich bei Depressionen und Ängsten (Phobien, Panikattacken), sowie bei Essstörungen, Süchten und Zwängen. Therapeuten setzen sie auch bei der Hilfe nach Traumata (zum Beispiel nach Unfällen oder Missbrauch), Selbstsicherheitsproblemen, stressbedingten Erkrankungen wie Burnout und Lebenskrisen ein. Die Verhaltenstherapie selbst verzichtet auf Medikamente. Sie kann aber auch begleitend medikamentöse und andere medizinische Behandlungen ergänzen.

Wie lange dauert eine Verhaltenstherapie?

Bei ambulanten Psychotherapien in der gesetzlichen Krankenversicherung gab es bis jetzt sogenannte Kurzzeittherapien und Langzeittherapien. Je nachdem variierte die Länge zwischen durchschnittlich 25 und 45 Stunden, wobei unter einer Therapiestunde ungefähr 50 Minuten verstanden werden. Üblicherweise erfolgt bei einer laufenden Therapie eine Sitzung pro Woche. Manche Probleme lassen sich aber auch schneller lösen, dann sind beispielsweise nur zehn Stunden nötig. Höchstens bezahlen die Krankenkassen 80 Therapiestunden.

Ab 1.4.2017 tritt eine mögliche Akutbehandlung (12 Stunden) hinzu, sowie die Möglichkeit, in einer freien Sprechstunde abklären zu lassen, ob eine Therapie nötig ist bzw. eine Beratung zu bekommen, welches  Verfahren sich hierfür eignet.

Wo finde ich einen guten Therapeuten?

Eine Suchfunktion für Therapeuten gibt es beispielsweise auf den Internetportalen der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung und der Deutschen Psychologen Akademie. Verhaltenstherapeuten sind Psychotherapeuten mit Fachkundenachweis in Verhaltenstherapie. Sie sind von ihrer Grundausbildung her Psychologen oder Mediziner. (Sozial-)Pädagogen können Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche werden. Jeder muss aber zusätzlich zu seinem "Grundberuf" eine drei- bis fünfjährige psychotherapeutische Zusatzausbildung abschließen.

Die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" ist gesetzlich geschützt. Sie darf nur von Therapeuten getragen werden, die eine Berufszulassung (Approbation) aufgrund des Psychotherapeutengesetzes oder als Arzt mit entsprechender Zusatzausbildung besitzen.

Faktoren für den Therapieerfolg

Was im Einzelfall die richtige Therapieform oder Kombination ist, kann der Experte beurteilen. Ebenso wichtig wie die Therapieform ist allerdings auch, dass die Beziehung zwischen Patient und Therapeut stimmt. Fühlt sich der Patient im Gespräch mit einem Therapeuten gut aufgehoben, ist eine wichtige Voraussetzung für den Therapieerfolg erfüllt.

Diplompsychologe Lothar Niepoth

W&B/Privat

Beratender Experte: Lothar Niepoth ist Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Biofeedbacktherapeut der DGBfb (Deutsche Gesellschaft für Biofeedback), Supervisor der DGVT (Deutsche Gesellschaft f. Verhaltenstherapie) und BDP Supervisor / Lehrtherapeut  (DGBfb).

Quellen:
1. Arolt V, Reimer C, Dilling H: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, 7. Auflage, Heidelberg Springer 2011
2. Braun-Scharm H, Deister A, Laux G et al.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 5. Auflage, Stuttgart Thieme 2013
3. Universität Bonn, Institut für Psychologie: Verhaltenstherapie. Online: www.psychologie.uni-bonn.de/abteilungen/psychotherapeutische-hochschulambulanz-1/verhaltenstherapie (Abgerufen am 19.1.2017)
4. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Online: www.dgppn.de (Abgerufen am 19.1.2017)
5. Bundespsychotherapeutenkammer. Online: www.bptk.de (Abgerufen am 19.1.2017)
6. Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Online: www.bdp-verband.org (Abgerufen am 19.1.2017)


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: iStock/endopack, W&B/Privat, Panthermedia/Florian Herold, iStock/ Anika Salsera

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